Kapitel 12 – Information, Wahrnehmung und Orientierung

1. Information als Fluss

Information ist kein Besitz, sondern ein Fluss.
Sie entsteht, wenn ein System Unterschiede wahrnimmt, verarbeitet und in Wirkung übersetzt.
Information ist nicht das, was vorhanden ist, sondern das, was ein System verarbeiten kann.
Alles andere bleibt Rauschen.

2. Wahrnehmung als Schnittstelle zur Umwelt

Wahrnehmung ist die Schnittstelle zwischen System und Umwelt.
Sie entscheidet, welche Signale Bedeutung erhalten und welche ignoriert werden.
Wahrnehmung ist selektiv, weil jedes System nur das aufnehmen kann, wofür seine Struktur vorbereitet ist.
Was nicht in die Struktur passt, bleibt unsichtbar – selbst wenn es direkt vor uns liegt.

3. Orientierung als integrierte Information

Orientierung entsteht, wenn Information in Struktur zurückgeführt wird.
Wenn Wahrnehmung nicht nur registriert, sondern integriert wird.
Ein System ist orientiert, wenn es versteht, was seine Umwelt bedeutet und wie es darauf reagieren kann.
Orientierung ist die Fähigkeit, Wirkung bewusst zu steuern, ohne die eigene Reproduktionsfähigkeit zu verlieren.

4. Die kognitive Instabilität überlasteter Systeme

Instabile Systeme verlieren diese Orientierung.
Sie nehmen zu viel wahr oder zu wenig.
Sie verwechseln Rauschen mit Signal.
Sie reagieren auf Impulse, die sie nicht verstehen, oder ignorieren Impulse, die sie tragen könnten.
Ihre Wahrnehmung wird zur Belastung, statt zur Ressource.

5. Die kognitive Stabilität lernfähiger Systeme

Stabile Systeme filtern, ohne blind zu werden.
Sie integrieren, ohne überfordert zu sein.
Sie erkennen Muster, bevor sie zu Störungen werden.
Sie nutzen Information, um ihre Struktur zu stärken, nicht um sie zu überlasten.

6. Die kognitive Ordnung des Systems

Information, Wahrnehmung und Orientierung bilden die kognitive Ordnung eines Systems.
Sie bestimmen, wie ein System die Welt sieht – und wie es in ihr bestehen kann.
Sie entscheiden darüber, ob ein System seine Grenzen erkennt, seine Möglichkeiten nutzt und seine Zukunft sichert.

7. Systemischer Realismus

Systemischer Realismus versteht Information nicht als Datenmenge, sondern als Beziehung zwischen System und Welt.
Wahrnehmung nicht als Abbild, sondern als Auswahl.
Orientierung nicht als Kontrolle, sondern als Fähigkeit, im Fluss der Wirklichkeit stabil zu bleiben.
Ein System lebt, solange es unterscheiden kann, was es trägt – und was es zerstört.