Kapitel 19 – Ressourcen, Knappheit und Priorisierung

1. Ressourcen als gebundene Energie

Ressourcen sind die gebundene Energie, die ein System für seine Reproduktion benötigt.
Sie sind nicht unendlich, nicht beliebig austauschbar und nicht frei verfügbar.
Ressourcen sind immer begrenzt – durch Zeit, durch Struktur, durch Umwelt, durch die Fähigkeit des Systems, sie zu binden und zurückzuführen.

2. Knappheit als inneres Verhältnis

Knappheit entsteht nicht erst, wenn Ressourcen fehlen.
Knappheit beginnt, wenn die Anforderungen schneller wachsen als die Rückführung.
Wenn ein System mehr verbraucht, als es erneuern kann.
Knappheit ist kein äußerer Zustand, sondern ein inneres Verhältnis zwischen Bedarf und Bindung.

3. Priorisierung als Antwort auf Begrenzung

Priorisierung ist die Antwort des Systems auf diese Knappheit.
Sie entscheidet, welche Prozesse Energie erhalten und welche nicht.
Welche Strukturen erneuert werden und welche verfallen.
Welche Beziehungen gestärkt werden und welche abbrechen.
Priorisierung ist kein moralischer Akt, sondern eine Überlebensstrategie.

4. Die materielle Stabilität reifer Systeme

Stabile Systeme priorisieren klar.
Sie erkennen, welche Funktionen zentral sind und welche peripher.
Sie investieren in Rückführung, bevor sie in Expansion investieren.
Sie schützen ihre Kernprozesse, weil sie wissen, dass ohne sie alles andere zusammenbricht.

5. Die materielle Instabilität überlasteter Systeme

Instabile Systeme priorisieren falsch.
Sie investieren in Wirkung statt in Erhaltung.
Sie stärken sichtbare Strukturen und vernachlässigen die unsichtbaren.
Sie verbrauchen Ressourcen, um Symptome zu bekämpfen, statt Ursachen zu stabilisieren.
So verstärkt Knappheit sich selbst – bis das System kollabiert.

6. Die materielle Ordnung des Systems

Ressourcen, Knappheit und Priorisierung bilden die materielle Ordnung eines Systems.
Ressourcen ermöglichen Wirkung.
Knappheit begrenzt sie.
Priorisierung entscheidet, ob das System trotz dieser Begrenzung bestehen kann.

7. Systemischer Realismus

Systemischer Realismus erkennt:
Ein System lebt nicht von dem, was es besitzt, sondern von dem, was es binden kann.
Nicht von der Menge seiner Ressourcen, sondern von der Klarheit seiner Prioritäten.
Nicht von der Fülle, sondern von der Fähigkeit, das Wesentliche zu schützen.
Ein System lebt, solange es seine Ressourcen nicht verschwendet – und seine Prioritäten nicht verliert.