Kapitel 22 – Stabilisierung, Rückkopplung und Selbsterhaltung

1. Stabilisierung als Erhalt der Form

Stabilisierung ist der Prozess, durch den ein System seine Form trotz innerer und äußerer Schwankungen erhält.
Sie entsteht nicht durch starre Kontrolle, sondern durch die Fähigkeit, Abweichungen zu erkennen und auszugleichen.
Ein System stabilisiert sich, indem es seine eigenen Prozesse so organisiert, dass Verluste begrenzt und Rückführungen gesichert bleiben.

2. Rückkopplung als operatives Werkzeug

Rückkopplung ist das operative Werkzeug dieser Stabilisierung.
Sie verbindet Wirkung und Gegenwirkung, Erwartung und Ergebnis, Struktur und Veränderung.
Positive Rückkopplung verstärkt Prozesse, negative Rückkopplung dämpft sie.
Ein System bleibt stabil, wenn beide Formen im Gleichgewicht stehen.
Zu viel Verstärkung führt zur Überlastung, zu viel Dämpfung zur Erstarrung.

3. Selbsterhaltung als Ziel der Regulation

Selbsterhaltung ist das Ziel, das beide Prozesse tragen.
Ein System lebt, solange es die Energie, die es verliert, durch Rückführung kompensieren kann.
Selbsterhaltung ist kein Egoismus, sondern die Grundbedingung jeder Wirkung.
Nur ein System, das sich selbst erhält, kann etwas anderes tragen, ermöglichen oder beeinflussen.

4. Die regulative Stärke stabiler Systeme

Stabile Systeme gestalten ihre Rückkopplungen bewusst.
Sie erkennen, welche Prozesse verstärkt werden müssen, um Wirkung zu entfalten.
Sie wissen, welche gedämpft werden müssen, um Überlastung zu vermeiden.
Sie schaffen Strukturen, die flexibel genug sind, um auf Störungen zu reagieren, und robust genug, um nicht zu zerbrechen.

5. Die regulative Schwäche instabiler Systeme

Instabile Systeme verlieren diese Balance.
Sie verstärken Muster, die sie schwächen, und dämpfen Muster, die sie tragen könnten.
Sie reagieren zu spät oder zu heftig.
Ihre Rückkopplungen geraten außer Kontrolle – und mit ihnen ihre Stabilität.
Selbsterhaltung wird zum Zufall statt zur Struktur.

6. Die innere Ordnung des Systems

Stabilisierung, Rückkopplung und Selbsterhaltung bilden die innere Ordnung eines Systems.
Stabilisierung hält die Form.
Rückkopplung steuert die Prozesse.
Selbsterhaltung sichert die Zukunft.

7. Systemischer Realismus

Systemischer Realismus erkennt:
Ein System lebt nicht, weil es stark ist, sondern weil es seine eigenen Wirkungen regulieren kann.
Nicht, weil es Störungen vermeidet, sondern weil es sie integriert.
Nicht, weil es unveränderlich ist, sondern weil es seine Stabilität immer wieder neu erzeugt.
Ein System lebt, solange seine Rückkopplungen tragfähig bleiben – und seine Selbsterhaltung gelingt.