Die Geschichte der Menschheit ist voller Momente,
in denen Gesellschaften an ihre Systemgrenzen stießen.
Die Französische Revolution, der amerikanische Bürgerkrieg,
Gandhis Unabhängigkeitsbewegung, die Oktoberrevolution,
die Novemberrevolution in Deutschland
und die Katastrophen der beiden Weltkriege –
all diese Ereignisse waren Ausdruck derselben Ursache:
Systeme, die ihre Stabilität verloren hatten
und sich selbst nicht mehr tragen konnten.
Diese Muster wiederholen sich
über Kontinente und Jahrhunderte hinweg.
Und sie reichen bis in die jüngere deutsche Geschichte.
Die 68er‑Bewegung war kein Zufall.
Sie war die Reaktion einer Generation,
die spürte, dass die alten Strukturen nicht mehr funktionierten.
Zum ersten Mal wurde das System selbst
zum Gegenstand der Kritik.
Nicht der Einzelne,
nicht die Moral,
sondern die Struktur, die alles formt.
Dieser Gedanke hat eine ganze Generation geprägt – auch mich.
Er hat unser Denken geöffnet für die Frage,
wie Systeme funktionieren,
warum sie scheitern
und wie sie verändert werden können.
Ich habe diese Zeit erlebt.
Ich habe gesehen, wie ein kollektives Bewusstsein entstand,
das sich nicht mehr mit einfachen Antworten zufriedengab.
Die 68er haben uns gelehrt,
dass man Systeme hinterfragen muss,
wenn sie ihre Lebendigkeit verlieren.
Und sie haben eine geistige Spur gelegt,
die bis heute in uns nachklingt –
und in unseren Kindern und Enkeln weiterwirkt.
Der Systemische Realismus knüpft genau an diese historische Linie an.
Er führt weiter,
was die Revolutionen sichtbar machten
und was die 68er formulierten:
die Notwendigkeit, Systeme zu verstehen,
bevor man sie verändern kann.
Nicht gegen das System,
sondern hin zu einem Realismus,
der die Welt beschreibt, wie sie tatsächlich funktioniert.
Ein Denken, das nicht zerstört, sondern klärt.
Nicht anklagt, sondern versteht.
Nicht spaltet, sondern verbindet.
Viele, die die 68er‑Zeit erlebt haben,
werden in diesem Werk etwas wiedererkennen:
den Impuls des Aufbruchs,
die Sehnsucht nach Klarheit,
die Überzeugung,
dass eine andere Form von Realismus möglich ist.
Und sie werden spüren,
dass dieser Aufbruch jetzt weitergeht –
nicht als Protest,
sondern als Modell.
Wir sind im Aufbruch.
Und dieser Aufbruch gehört allen,
die bereit sind, die Welt neu zu verstehen.
Bevor du dieses Buch liest,
bist du bereits Teil eines Systems, das dich trägt.
Du atmest, weil ein Kreislauf funktioniert.
Du lebst, weil Energie gebunden wird.
Du existierst, weil Mehrwert entsteht,
den du nicht selbst erzeugst.
Und genau hier beginnt der zentrale Gedanke dieses Werkes:
Wenn Menschen Kreislaufprobleme haben, suchen sie Hilfe.
Wenn Systeme Kreislaufprobleme haben, brauchen sie Stabilisierung.
Die Erde wird sich erholen.
Die Frage ist, ob wir Teil dieser Erholung sind.
Vielleicht spürst du, dass etwas nicht stimmt.
Dass wir als Gesellschaft nicht mehr auf den Füßen stehen,
sondern auf dem Kopf.
Dass wir schneller werden,
während die Systeme um uns herum langsamer werden.
Dass wir mehr entnehmen, als wir zurückführen.
Dass wir mehr erwarten, als wir reproduzieren.
Dieses Gefühl ist kein Zufall.
Es ist ein Signal.
Wir leben in einer Zeit,
in der die Systeme, die uns tragen,
ihre Stabilität verlieren.
Nicht, weil sie schwach sind,
sondern weil wir vergessen haben, wie sie funktionieren.
Wir haben vergessen,
dass alles, was uns stabilisiert,
aus Kreisläufen entsteht.
Dass jeder Mehrwert aus Reproduktion kommt.
Dass jede Ordnung aus Energiebindung entsteht.
Dass die Sonne der Ursprung von allem ist,
was wir „Wohlstand“ nennen.
Und dass wir nur stabil sein können,
wenn wir die Systeme stabilisieren,
die uns stabilisieren.
Dieses Buch ist keine Moral
und keine Ideologie.
Es ist eine Einladung,
die Welt wieder so zu sehen, wie sie wirklich ist:
als ein Netzwerk von Kreisläufen,
Rückkopplungen
und Reproduktionsprozessen,
in dem wir nicht Zuschauer sind,
sondern Elemente.
Wenn du dieses Buch weiterliest,
wirst du nicht nur verstehen,
warum wir im Moment auf dem Kopf stehen,
sondern auch,
wie wir wieder auf die Füße kommen.
Nicht durch Verzicht.
Nicht durch Schuld.
Nicht durch Angst.
Sondern durch Klarheit.
Systemischer Realismus ist keine Theorie,
die du lernen musst.
Er ist eine Ordnung,
die du längst in dir trägst.
Du wirst sie wiedererkennen.